Die Monate
(Märchen aus Italien, nacherzählt von Franziska Dittert 2025)
Es waren einmal zwei Brüder. Der ältere Bruder war sehr reich, der jüngere arm. Da der reiche Bruder seinem armen Bruder kein Geldstück leihen wollte, ging dieser in die Welt hinaus, um dem Hunger zu entkommen.
Es war aber ein bitterkalter März und der arme Bruder hatte nur dünne zerrissene Kleidung an. Er wanderte einige Stunden, doch dann war er so blaugefroren, dass er in ein Gasthaus ging, um sich aufzuwärmen. Dort waren noch zwölf andere Männer.
Einer der Männer sprach ihn an: „Was denkst du von diesem Wetter, Wanderer?“
Der arme Bruder antwortete, dass jeder Monat des Jahres wichtig wäre für die Natur, auch der kalte März. Da fragte der Mann noch einmal, ob dieser März mit so viel Frost und Schnee nicht ein ganz besonders unangenehmer Monat sei.
Der arme Bruder antwortete: „Du sprichst nur von den Nachteilen des März, aber der März ist wichtig, damit der Frühling kommen kann. Er bereitet die Pflanzensamen vor, die in der Erde darauf warten zu wachsen.“
Der Mann freute sich sehr über diese Worte, denn er selbst war der Monat März und die elf anderen Männer waren die elf anderen Monate.
Um die Freundlichkeit zu belohnen, gab der März dem armen Wanderer ein wunderschönes Holzkästchen und sprach dabei: „Wenn du etwas brauchst, dann öffne das Kästchen und du wirst es darin finden.“
Nun kannte der arme Bruder keine Sorgen mehr. Er wünschte sich warme vornehme Kleidung und genug zu essen und fand alles in der Kiste. Da entschied er, zurück zu seinem älteren Bruder zu reisen. Als dieser ihn in seinem teuren Mantel sah, wurde er neidisch und fragte, woher er diese wertvollen Dinge hatte. Der jüngere Bruder erzählte, er hätte im Gasthaus zwölf Männer getroffen, die ihm ein Zauberkästchen geschenkt hätten. Von dem Gespräch über das Wetter erzählte er jedoch nichts.
Sofort fuhr der ältere Bruder ins Gasthaus und traf dort auf die zwölf Männer. Schon bald wurde nach seiner Meinung zum Wetter gefragt. Der ältere Bruder schimpfte direkt los: „Dieser März ist viel zu kalt und es liegt viel zu viel Schnee! Besser wäre es, man würde den März ganz streichen, diesen Monat braucht kein Mensch!“
Natürlich wusste er nicht, dass sein Gesprächspartner der März selbst war. Dieser schenkte den älteren Bruder nun einen Dreschflegel und sagte: „Jedes Mal, wenn du dir etwas wünschst, sag einfach: Dreschflegel, gib mir hundert!“
Schnell bedankte sich der ältere Bruder und lief nach Hause, um den Zauber auszuprobieren. Doch wie erschrak er, als er nicht die erwarteten hundert Geldstücke, sondern hundert Schläge mit dem Dreschflegel bekam.
Unterrichtsmaterial zum Text findet sich auf: https://eduki.com/de/1378093
Das Weitwiesenweibl
(Sage aus Bad Reichenhall, nacherzählt von Franziska Dittert 2025)
Musste man in alter Zeit, lange vor der Erfindung des elektrischen Lichts, spät abends noch von Karlstein nach Bad Reichenhall, so führte der einzige Weg über die Weitwiesen. Diese lagen in tiefster Dunkelheit. Daher konnten Wandernde oder Kutscher den Weg kaum finden. Man konnte seine eigenen Füße nicht erkennen, geschweige denn die Bäume und Steine, die ihm im Weg standen. Es war fast unmöglich, die richtige Richtung einzuschlagen, so vollkommen von schwarzer Dunkelheit umgeben.
Doch Menschen, die nachts diesen Weg gingen, berichteten von einer wundersamen Frau. Sie schwebte sanft über dem Boden, war in strahlendes Weiß gekleidet und trug eine Laterne mit sich. Mit dieser Laterne leuchtete sie den Müden den richtigen Weg über die Weitwiesen, sodass sie Bad Reichenhall sicher erreichten. Manchmal trieb sie aber auch ihre Scherze. Dann lief sie in eine falsche Richtung voran, führte die Menschen weit weg von der Stadt und in den Wald hinein. Müde gaben die Irregeführten auf und verharrten die Nacht ängstlich zwischen den hohen, schwankenden Bäumen, bis sie endlich bei Tagesanbruch nach Hause fanden. Doch diese gemeinen Späße machte die weiße Frau nur selten, meistens half sie stumm und freundlich.
Bald wurde sie von Menschen in Bad Reichenhall und Karlstein das Weitwiesenweibl genannt.
Eines Tages hatte ein Fuhrmann auf seinem Wagen Fässer mit Salz geladen, um sie nach Karlstein zu bringen. Länger als geplant dauerte das Entladen und so war es schon dunkel, als er die Rückfahrt nach Bad Reichenhall antrat. Es war eine regnerische Nacht und so stockfinster, dass er von Weg abkam und über einen großen Stein fuhr. Dabei brach eine Achse des Wagens. Natürlich konnte er, als guter Fuhrmann, seinen Wagen selbst reparieren, aber nicht in einer so schwarzen Nacht, in der er nicht einmal seine Hand vor Augen sah. Dennoch versuchte er es, aber es war hoffnungslos.
Aus dem Nichts stand auf einmal das Weitwiesenweibl neben seinem Wagen. Es stand ganz still da und hielt die Laterne genau so, dass der Fuhrmann das richtige Licht hatte, um seinen Wagen zu reparieren. Er war erleichtert, als der Schaden behoben war und er weiterfahren konnte. Während er fuhr, schwebte die weiße Frau neben dem Wagen und leuchtete ihm den ganzen Weg über die Weitwiesen. Als er sich Bad Reichenhall näherte, blieb sie zurück.
Der Fuhrmann befahl den Pferden langsamer zu reiten und rief der Frau zu: „Tausend Dank, liebe weiße Frau, tausend Dank!“
Mit einer klaren, schönen Stimme antwortete sie: „Ein Dank allein schon hätte genügt, guter Fremder. Nie zuvor hat mir jemand für meine Hilfe gedankt. Dabei brauchte ich nur einen einzigen Dank, um aus meinem Zauber erlöst zu werden. Dein Dank ist meine Erlösung.“
Der Fuhrmann sah ein warmes Licht in den Himmel aufsteigen von der Stelle, an der das Weitwiesenweibl gestanden hatte.
Die Teitekerlken und die Steinhauer
(Sage aus Havixbeck und Billerbeck, geschrieben von Franziska Dittert 2023)
Vor langer Zeit wurde in den Baumbergen begonnen, Sandsteinblöcke zu schlagen, um wunderschöne Kirchen im Münsterland und weit darüber hinaus zu bauen. Die Steine für den Dom zu Münster holten starke Männer aus Havixbeck und Billerbeck aus den Baumberger Domkuhlen. Darunter waren auch Ludwig und seine Söhne Johannes und Heinrich. Ludwig und Johannes waren fleißig und arbeiteten genau, jeder arbeitete gern mit ihnen. Heinrich aber war ein Tagträumer und schaffte oft weniger als die anderen.
Im Steinbruch konnten die Männer gutes Geld verdienen, die Arbeit war angesehen, aber sie war hart und auch gefährlich. Manchmal löste sich oben im Steinbruch ein Stein, fiel herunter und brachte die Arbeiter in Gefahr.
Es war schon sonderbar, wo sich manchmal ein Stein löste. Oft waren es Stellen, an denen niemand gearbeitet hatte. Manche Steinhauer glaubten daran, dass kleine Erdgeister, die Teitekerlken, ihnen das Leben schwer machten, doch andere lachten sie aus.
Um die Mittagszeit setzten sich die Arbeiter immer an den Rand des Steinbruchs in den Schatten und aßen ihr Bütterken, ihr Butterbrot, das sie als Verpflegung mitgebracht hatten. Dazu gab es einen großen Schluck braunen Korn. In den Baumbergen herrschte allgemein der Glaube, dass dieser Korn die Männer vor dem üblen Staubhusten schützte, der viele Steinhauer jung ins Grab brachte.[1]
Als Ludwig nach getaner Arbeit seine Sachen zusammensuchte, um nach Hause zu gehen, konnte er seine Mütze nicht finden, die er in den Schatten gelegt hatte. Er suchte und suchte, aber sie war verschwunden. Die anderen Steinhauer lachten und riefen: „Deine Mütze haben die Teitekerlken versteckt!“
Am kommenden Tag gab es einen ganz ähnlichen Vorfall. Am Abend wollten die Männer den Steinbruch verlassen, aber Johannes konnte sein Halstuch nicht finden, das er auf seine Tasche gelegt hatte, als er sehr schwitzte. Auch er wurde ausgelacht: „Wie der Vater lässt du dir deine Sachen von den Teitekerlken stibitzen!“
Auch am nächsten Tag brachen die Steinhauer fleißig Steinquader für den Dom aus dem Felsen. Die Mittagspause wurde wie immer im Schatten verbracht, auch von Ludwig, Johannes und Heinrich. Dann verschlossen Ludwig und Johannes ihre Schnapsflaschen sorgfältig. Heinrich jedoch ließ seine offen stehen, denn er war mit seinen Gedanken ganz woanders.
Als es Nachmittag wurde, begannen die Arbeiter zu spotten: „Heute wirst du es wohl sein, Heinrich, dem die frechen Erdgeister etwas klauen. Gestern der Bruder, vorgestern der Vater, heute du! Wir sind gespannt, was du dir wegnehmen lässt!“
Immer wieder schaute Heinrich zu seiner Tasche im Schatten, aber er konnte die kleinen Diebe nie sehen. Am Abend klopften sich die Männer den Staub von der Kleidung und gingen lachend zu ihrem Ruheplatz. Heinrich schaute nach seiner Mütze, die war da. Dann schaute er nach seiner Tasche, die war auch da.
Erleichtert wollte er seine Schnapsflasche einpacken und sich auf den Heimweg machen, da merkte er es: „Seht euch das an, liebe Freunde, mein Schnaps ist leer! Wer hat ihn nur heimlich ausgetrunken, als wir gearbeitet haben?“
„Ja, wenn das nicht die Teitekerlken waren!“, antwortete einer.
„Sie mögen deinen Schnaps lieber als deine Mütze oder deine Tasche“, lachte ein anderer.
„Nun wissen wir, wie man sie friedlich stimmen kann, die kleinen Quälgeister“, rief begeistert ein Dritter.
Seit diesem Tag stellen die Steinhauer immer ein Schälchen Schnaps für die Teitekerlken in den Schatten, damit die Erdgeister zufrieden sind und weniger Schabernack treiben. So können die Männer in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen.
mit einer Zeichnung von Ottilie Dittert
[1] Heute wissen wir, dass die einzigartige Zusammensetzung des Baumberger Sandsteins der wahre Grund für die gute Gesundheit der Arbeiter war.
Das goldene Fohlen
(äthiopisches Märchen, nacherzählt von Franziska Dittert 2022)
Es war einmal ein armer Bauer namens Tadesse, der lebte nahe der Stadt Goba. Er besaß nur ein paar Ziegen und zwei Pferde.
Einmal brachte die Stute im Frühling ein Fohlen zur Welt, das ein goldglänzendes Fell hatte, stark und wunderschön war.
Zur Regenzeit kam ein reicher Kaufmann in Tadesses Dorf, sah das Fohlen und wollte es sofort kaufen.
Obwohl Tadesse das Geld dringend brauchte, verkaufte er das Fohlen nicht.
Das Fohlen wurde immer schöner und stärker, aber es fraß auch sehr viel Gras. Bald reichte das Gras auf der Wiese von Tadesse nicht mehr für seine Ziegen, die zwei Pferde und das Fohlen.
Tadesse liebte das Fohlen sehr, darum wollte er es nicht verkaufen. Aber er war zu arm, um Futter für das Fohlen dazuzukaufen.
Als die Regenzeit vorüber war, besuchte der Fürst die Stadt Goba. Tadesse nahm sein Fohlen und lief in die Stadt.
Dort war alles festlich geschmückt. Auf dem Marktplatz und in den Straßen musizierten viele Künstler. Köche und Bäcker boten ihre Leckereinen an.
Am frühen Nachmittag ritt der Fürst die Hauptstraße entlang und empfing dann seine Untertanen auf dem Markplatz.
Tadesse ging zum Fürsten und brachte ihm das goldene Fohlen als Geschenk. Der Fürst bewunderte das schöne Tier und freute sich sehr darüber. Als er Tadesse danken wollte, war dieser schon in der Menschenmenge verschwunden.
„Diesen großzügigen Menschen müsst ihr unbedingt finden. Obwohl er so arm ist, machte er mir dieses wertvolle Geschenk und hat nicht dafür erwartet. Ich möchte mich bei ihm bedanken“, sprach der Fürst zu seinen Dienern.
Doch die Diener konnten Tadesse nicht finden, denn er war schon auf dem Rückweg in sein Dorf. Dort lebte er noch viele Jahre glücklich und zufrieden.
mit einer Illustration von Heather Green
Unterrichtsmaterial zum Text findet sich auf https://eduki.com/de/504480