Vier Weihnachtssterne
(Franziska Dittert, 2024)
Die Sterne hängen in den Bäumen. Vier große Bäume stehen im Garten, vier Sterne hängen darin. Tom war vorsichtig auf die Leiter gestiegen, die am Stamm lehnte, und Julia hatte ihm die Sterne hochgereicht. Die Verlängerungskabel liegen einmal quer durch den Garten. Die Sterne leuchten hell, die ganze Straße entlang, sodass jeder ihr Haus von weitem sehen kann.
Die Kinder sollten am nächsten Tag kommen. Zu Besuch ins Elternhaus. Zwei der vier Kinder brachten schon ihre Kinder mit, das große Haus würde eng werden.
Der Tag war voller Pläne gewesen, damit alles vorbereitet ist. Jetzt sitzen beide auf dem Sofa, tief unter eine Decke geschmiegt und auf dem Bildschirm plätschert ein Film. Sie sind ganz nah aneinandergerückt und halten sich bei den Händen. Der abendliche Tee dampft in der Kanne. Julia atmet diese Nähe wie heilsame Düfte. Wenn am Morgen ihre Schmerzen zu stark oder die Sorgen wegen seiner Krankheit zu schwarz sind, ruft sie das Geborgenheitsgefühl der Abende in sich wach und schafft es durch die harten Stunden des Tages.
Die drei Ältesten haben sich ihre Leben eingerichtet, verdienen Geld, wirken angekommen. Um den Jüngsten machen sie sich Sorgen.
„Ist Simon noch mit dieser Frau zusammen? Hat er dir was erzählt?“, fragt Tom vorsichtig beim Abspann des Films.
„Er hat nicht viel erzählt, er hat nicht richtig auf meine Fragen geantwortet. Ich weiß nicht einmal, ob er den Job in der neugegründeten Firma seines Bekannten noch macht. Ich hab‘ nie richtig verstanden, was das für eine Firma ist.“
„Weil er es nicht erklärt hat. Aber vielleicht erzählt er Weihnachten etwas. Schön, dass er den weiten Weg aus Indien kommt, auch wenn wir sein Leben nicht richtig verstehen. Schön, dass sie alle vier kommen.“
Wie immer sucht Tom dabei die Abendnachrichten in der Mediathek heraus, die sie nach dem Film sehen, und schenkt beiden noch eine Tasse Tee ein. Es ist ein Segen, zusammen alt zu werden, denkt er, ein Segen zusammen mit ihr alt zu werden.
Die Kriege fallen auf die Menschen, die mit blutenden Körpern vor den Trümmern ihrer Häuser stehen und weinen. Und immer brennen Wälder, suchen Stürme und Überschwemmungen die Menschen heim. Die Menschen haben den Planeten aus dem Gleichgewicht gebracht. Dann noch ein Flugzeugabsturz.
„Was ist das für ein Flugzeug?“, Tom lässt Julias Hand los und rückt näher an den riesigen Bildschirm heran.
…Kurz nach dem Abflug abgestürzt… hören sie die Stimme des Nachrichtensprechers.
…Bangalore, Abflug 15.30 Uhr Ortszeit … klingt die gleichmäßige Stimme weiter.
Sie springt auf und stürzt aus dem Zimmer. Sofort ist sie außer Atem. Sie läuft orientierungslos durch den Flur. Steht wieder im Wohnzimmer. Sie bekommt keine Luft, atmet zu viel. Schwindlig bricht sie in schreiendes Weinen aus: „Oh Nein, wir müssen ihn anrufen, ruf ihn an, wo ist das Handy, wir müssen ihn anrufen.“
„Ich kann nicht anrufen, es ist ja sein Flug. Wenn er nicht rangeht. Er kann ja nicht rangehen. Er war ja im Flugzeug.“
Tom sitzt immer noch auf der Sofakante. Seine Stimme ist ganz eintönig. Nur nicht durchdrehen, denkt er, nur die Nerven behalten. Es reicht, wenn sie durchdreht. Und er verbietet seinen Gefühlen Signale zu senden, indem er immer wieder denkt: Nur ruhig bleiben. Das ist das Mantra seines Lebens.
Julia sitzt verzweifelt auf dem Boden neben der großen Vase. Sie ist so laut. Ihr Weinen ist ein Heulen, ein Wehklagen.
Dazwischen Wortfetzen: „Wo ist das Handy, du musst anrufen, ruf an.“
Ihre Stimme bricht weg. Sie springt auf, läuft durch die Wohnung. Vielleicht auf der Suche nach dem Handy. Vielleicht auf der Suche nach einem Ausweg.
Tom sitzt immer noch auf der Sofakante. Er atmet gleichmäßig. Er versucht sich dazu zu bringen, anrufen zu können. Er muss Simon anrufen. Julia ist tatsächlich nicht in der Lage dazu. Aber wenn er Simon anruft, wird niemand rangehen. Das wird er nicht aushalten können. Wenn er anruft, wird eine fremde Stimme auf Indisch am Handy sein, die er nicht versteht. Was kann er sagen? Was kann er sagen, wenn sie kein Englisch kann? Wie werden sie erfahren, dass er tot ist, wenn dort vielleicht niemand Englisch kann? Und dann sagt er sich, dass er ja weiß, dass die Menschen in Bangalore auf dem Flughafen Englisch können. Er fragt sich, ob es ihm lieber ist, dass sie Englisch können und er sie versteht oder dass sie kein Englisch können und er sie nicht versteht. Niemals verstehen wird und niemals erfahren wird, dass Simon tot ist. Er wünscht sich, dass kein Inder jemals wieder Englisch spricht und er immer hier sitzen wird in diesem Schwebezustand.
Er denkt an Simon, als er klein war und in den Hühnerstall des Nachbarn geklettert ist und sie ihn dort lachend gefunden hatten, das braune Huhn auf dem Schoß, das sich innig an ihn schmiegte wie ein neugeborenes Kätzchen. Er denkt an Simon, wie er seine neue Kinderschere an ein paar Elektrokabeln ausprobiert hatte. Tom hatte es gemerkt, weil die vier Sterne in den Bäumen nicht mehr leuchteten. Er denkt an Simon, wie er Weihnachten alle Plätzchen und Schokoladenfiguren angeknabbert hatte und dann beteuerte, seine Schwester wäre es gewesen, obwohl er einen verschmierten Schokomund hatte. Dieser Moment hier auf dem Sofa, vor dem Anruf, den habe ich in der Hand. Jetzt. Ich werde immer hier sitzen und an Simon denken. Simon als Baby, Simon in der Kita, Simon als Schulkind. Es ist ein heiliger Moment und mir kann nichts passieren.
Da hört er Julia wieder. Ihre schluchzenden Worte reißen ihn aus seinen Gedanken. Sie telefoniert, denkt er erschrocken. Julia telefoniert, fast ohne ein Wort zu sagen. Ihre Tränen erschüttern sie und sie ringt unaufhörlich nach Atem. Dann ein wildes lautes Lachen.
„Tom, er war feiern! Tom, er hat den Flieger verpasst! Tom, Simon ist am Telefon, er hat das Flugzeug verpasst.“
Das ist mein Junge, das ist mein Simon, denkt Tom stolz, mein Junge, der allen die Schokolade wegisst, der die Berufe wechselt wie die Unterhosen, der auf allen Kontinenten lebt und feiert.
Tom steht auf und geht langsam zu Julia, die am Fenster steht und ihm ungeduldig das Handy hinhält. Durch das Fenster leuchten die vier Sterne in den Bäumen.
„Simon“, sagt er in den Hörer, „Simon, mein Junge, die Sterne leuchten.“
Sonnenterrasse
(Franziska Dittert, 2022)
Die schweren Wanderschuhe lagen neben mir im Gras und ich stand bis zu den Knöcheln im klaren kalten Wasser des schnellfließenden Bergbaches. Für meinen Insta-Account machte ich wunderschöne Bilder der glitzernden Wassertropfen und meiner himmelblau lackierten Fußnägel. Dann sah ich in die Ferne. Kaum noch zu erkennen war die Kirchturmspitze des kleinen südtiroler Bergdorfes, in dem wir übernachtet hatten. Ich fotografierte einen gewaltigen Raubvogel, der über diesem herrlichen Blick kreiste.
Schon seit vielen Jahren war die erste Woche der Sommerferien für meine Mutter und mich fest als Wanderurlaub eingeplant. Dieses Jahr sollte es etwas Besonderes sein: die Alpen.
Der Sommer war heiß und schwül und wir waren froh, unsere Füße in Bergbächen abkühlen zu können oder in dichten, nach Fichte duftenden, Wäldern zu wandern. Doch heute ging der Weg weite Strecken über Wiesen und felsige Landschaft mit niedrigem Bewuchs.
Es war der dritte Tag unserer einwöchigen Tour, bei der wir jede Nacht in einer anderen Unterkunft verbrachten: Gästezimmer in alten Bauernhäusern mit riesigen weichen Betten, Berghotels mit modernem Wellnessbereich oder weit oben in den Bergen gelegenen Almhütten.
Nach unserer Pause am Bach schleppte ich mich durch die heiße Mittagssonne. Der Schweiß lief mir über das Gesicht und brannte in den Augen. Ich wagte es nicht, zu stöhnen oder zu meckern, denn meine Mutter lief fröhlich den nicht enden wollenden Weg. Immer schwerer wurde mein Rucksack. Er drückte mich nach unten und ich ging krumm wie ein alter Großvater. Nass klebte mein T-Shirt an meinem Rücken und es war das erste Mal in diesem Urlaub, dass ich mir wünschte, anderswo zu sein: in meinem abgedunkelten Zimmer zu Hause, im Freibad unserer Kreisstadt, ja sogar im kühlen Erdgeschoss der Schule beim Lateinunterricht.
Meine Mutter hatte ein ganz anderes Durchhaltevermögen. Beim Wandern durch die kochende Sonne plauderte sie von den Pflanzen, die sie am Wegesrand sah: „Oh, schau mal, das ist der Gelbe Frauenschuh, hättest du gedacht, dass das eine Orchideenart ist? Wunderschön, oder?“
Ich antwortete meist einfach mit einem leisen Hmm und mühte mich ab, mit ihr Schritt zu halten, während meine Schuhe aus Blei oder Beton zu sein schienen.
„Und hier, dieses unscheinbare Blümchen ist die Arnika. Das wusstest du nicht, oder? Wenn du dich verletzt, kannst du sie unter deinen Verband legen. Als Kinder haben wir das manchmal gemacht. Und ruck-zuck waren die Beulen weg und die Kratzer wieder verheilt.“
Sie pflückte einige kräftige grüne Blätter und reichte sie mir. Ich betrachtete sie unschlüssig und war gleichzeitig fasziniert vom Wissen meiner Mutter. Diese Blätter und auch die gelben Blüten der Arnika waren so gewöhnlich, dass ich sie nie wiedererkennen würde. Ratlos steckte ich die Blätter in die Tasche meiner Wandershorts und schleppte mich weiter.
Die Sonne brannte mir auf den Kopf. Ich bereute es, den albernen Sonnenhut abgelehnt zu haben, den meine Mutter mir vor der Reise aufdrängen wollte. Ich verstand jetzt, dass ihre Gründe für einen Hut schwerer wogen als meine modischen Bedenken. Sollte ich um eine Pause bitten? Doch wo? Wo gab es nur das nächste Schattenplätzchen?
„Paula, sieh mal, eine Berghütte! Lass uns etwas Kühles trinken! Magst du eine Limonade?“
Da sah ich es auch: Oberhalb der nächsten Weggabelung lag eine von Laubbäumen umstandene Terrasse. Das Haus war hinter den Bäumen kaum zu sehen. Beim Näherkommen erkannte ich Blumenbeete mit Azaleen und Hortensien. Eine tapfere Gärtnerin sorgte für das Überleben dieser hier fremden Arten mit viel Mühe und Wasser. Die Terrasse wurde von Sonnenschirmen beschattet, die den Werbeschriftzug einer italienischen Limonadenmarke trugen. In Vorfreude auf eine fruchtige kalte Limonade lief ich die Stufen zur Terrasse beschwingt hinauf. Meine Mutter suchte uns einen schattigen Platz mit Blick über den eben gewanderten Weg. Eine hübsche junge Frau trat aus dem Haus und zögerte kurz, als sie uns sah.
„Ah, die Kellnerin!“, rief meine Mutter erfreut und winkte ihr begeistert zu.
Jetzt merkte ich, dass auch sie von der Hitze erschöpft war. Ihre fleißigen Biologievorträge waren ihre eigene Art gewesen, beim Wandern die Kraft nicht zu verlieren.
„Ti andrebbe dell'acqua?“, die junge Frau war an unseren Tisch getreten.
Obwohl meine Mutter in Wirklichkeit kein Italienisch sprach, antwortete sie sofort: „Aqua, no, no! Due Limonade, prego.“
Bald standen zwei Gläser Limonade vor uns, in denen Eiswürfel klirrten.
„Herrlich“, rief meine Mutter laut und überschwänglich, „je beschwerlich die Wanderung, desto besser die Limonade.“
Jetzt wünschte ich mich nicht mehr in den dunklen Lateinraum, auch nicht in das überfüllte Freibad oder in mein langweiliges Zimmer. Ich konnte mir nichts Besseres für einen Sommertag vorstellen, als bei einer Wanderung eine Pause mit kühler Limonade zu machen. Das Selfie, mit meinem vor Kälte beschlagenen Glas und dem Bergpanorama im Hintergrund, war beeindruckend und würde viele Likes bekommen.
Dann wurde es Zeit zum Aufbruch.
„Quanta costa, por favor?“, meine Mutter holte ihr kleines Wanderportemonnaie vor und zog einen Euroschein heraus.
Verdutzt sah uns die junge Frau an und begann zu lachen. Das Lachen schüttelte sie, sie wischte sich Tränen aus den Augen, sah zu meiner Mutter und lachte erneut.
„Por favor?“, unsicher versuchte meine Mutter das Rätsel, das Lachen, zu verstehen.
Die junge Frau begann – immer wieder von leichtem Kichern unterbrochen – auf uns einzureden. Als wir beide nur ratlos schweigend darauf reagierten, holte sie ihr Handy heraus und tippte lange darauf herum.
Dann begann sie erneut freundlich auf Italienisch zu reden und hielt meiner Mutter das Handy so hin, dass diese auf das Display sehen konnte. Mit der Hand die Sonne abschirmend las sie. Dann lachte auch sie laut los.
„Paula du glaubst es nicht! Ich lese es dir vor: Entschuldigen Sie, ich habe kein Restaurant. Das ist die Terrasse von meinem Haus. Ich hoffe, die Limonade hat geschmeckt. Ich habe Sie gern eingeladen.“
Foto von Patrick Hofmann
Unterrichtsmaterial zum Text findet sich auf https://eduki.com/de/871373
Venedig
(Franziska Dittert, 2021)
Der Zug rattert eintönig unter mir. Seit Stunden habe ich kein Wort gesprochen. Ich habe mir geschworen nicht zu sprechen. Kein Wort zu sagen, bis diese Woche vorüber ist. Die überflüssigste und nervigste Woche meines Lebens. Schlimmer als eine Woche voller wichtiger Klassenarbeiten. Schlimmer als eine Woche mit schwerer Grippe im Bett. Schlimmer als eine Woche mit einem traurigen Streit mit Sina.
Sina ist meine beste Freundin und sie hat gesagt: „Sieh doch das Positive! Immerhin kommst du nach Venedig, da wollte ich schon immer mal hin. Ich war bisher in den Ferien nur bei meiner Oma in Duisburg. Ich kenne von dieser ganzen verdammten Welt nur Neustadt und Duisburg.“
Ich wäre lieber eine Woche mit Sina in Duisburg, ganz sicher!
Mein Vater fragt mich, ob ich ein Brötchen will und ich nehme es stumm und kaue schweigend. Bei Vater und seiner neuen Freundin Lisa ist die Stimmung schlecht. Wäre das Schweigen nicht so anstrengend, wäre ich schadenfroh. Auch sie sprechen kaum und wenn dann leise. So als würde ich nicht streiken, sondern wäre krank.
Aus meinem Rucksack hole ich mein neues Buch „Geheimnisse eines Schmetterlings“. Am Tag vor der Reise habe ich es mit Mama in der Buchhandlung ausgesucht. „Eine Hälfte der Ferien bei mir und eine bei Papa, so ist das jetzt. Dagegen kann ich auch nichts machen. Gib dem Urlaub eine Chance. Papa und du, ihr wart immer ein gutes Team.“
Ja, wir waren ein gutes Team, aber jetzt ist diese Lisa da, die alles kaputt gemacht hat. Mama ist allein und versucht stark zu sein. Sie schimpft nicht auf meinen Vater, aber sie singt kaum noch beim Kochen. Sie sieht immer müde aus. Sie lacht nicht mehr.
Wir treten aus dem Bahnhof und ich bin überwältigt: Der Canal Grande fließt in leuchtendem Türkis vor uns. Die Häuser stehen mit nassen Füßen im Türkis, die Fassaden bunt, mit Fenstern wie orientalische Paläste.
Gern würde ich rufen: „Oh, wie wunderschön!“
Eine Möwe kreist über meinem Kopf. Gern würde ich lachen und nach oben zeigen: „Schaut nur, wie an der Nordsee!“
Unser Hotel ist wie ein Palast mit goldenen Tapeten und großen weichen Betten mit kunstvollen Schnitzereien. Ich entdecke sogar geflügelte Löwen darunter. Wenn ich sprechen würde, würde ich rufen: „Warum gibt es hier nur überall geflügelte Löwen?“ Vorsichtig fahre ich über einen der winzigen Löwenrücken und bin traurig wie ein Schmetterling mit zerknickten Flügeln.
Da höre ich leise Stimmen. Vorsichtig öffne ich die Tür zum Zimmer von Vater und Lisa einen Spalt: Da ist ein Schluchzen, leises Reden, eine verzweifelte, mit Wut vermischte, Stimme. Dann Schweigen.
Das Abendessen nehmen wir im Hotel ein. Es ist erst 17.00 Uhr. Niemand spricht darüber, ob man einen ersten Gang durch diese wunderbare Märchenstadt machen sollte. Niemand spricht überhaupt. Vater sieht mich böse an, immer wieder, aber verstohlen. So als wollte er mich böse ansehen, aber nur so, dass ich es nicht merke. Ich merke es und mein Herz ist ein zertretener Schmetterling.
Nach den Essen sitzen wir schweigend da. Ich möchte fort von hier. Wenn ich krank drei Klassenarbeiten schreiben müsste und dabei mit Sina zerstritten wäre, wäre das gar nichts gegen dieses Abendessen.
„Lisa fährt heute Abend um 19.34 Uhr zurück“, knallt Vaters Stimme auf einmal in die ewige Stille. Ich sehe Lisa an. Zum ersten Mal auf dieser Reise. Sie sieht verweint aus. Als sie meinen Blick bemerkt, steht sie auf, schiebt ihren Stuhl vorsichtig an den Tisch, nimmt ihr Handy und geht. Ich sehe Papa an. Sein Blick ist erschöpft und ich habe das Gefühl, er ist weit weg. Ein Schmetterling, den ich nur noch als Punkt am Horizont sehen kann.
„Ich bringe sie dann zum Bahnhof“, sagt er, „bleibst du bitte solange im Hotel?“
Illustration von Piyapong Saydaung
Unterrichtsmaterial zum Text findet sich auf https://eduki.com/de/890781
Mitteldeutsche Savanne
Eine Kurzgeschichte aus dem Jahr 2037
(Franziska Dittert, 2022)
Dass wir wegziehen würden, sagten mir meine Eltern beim Abendessen am Montag. Der Sommer war vorbei und die drückende Hitze wich einer sanften Kühle. Ich mochte diese Luft und setzte mich nach dem Essen mit meinem Tablet vor die Haustür. Liebevoll hatte meine Mutter den kleinen Garten neu angelegt - mit Pflanzen, die kaum Wasser benötigten. Sie hatten dicke, harte Blätter und störrische, strohige Blüten. Aber ich liebte unseren Garten, denn er war grün und bunt. Als verboten wurde, Wasser zum Gießen von Zierpflanzen zu verwenden, hatten die Nachbarn ihre Gärten mit Steinen und Holzplanken neugestaltet. Bei ihnen sah es trostlos aus. Frau Neuer hatte zwar zwei Kübel mit künstlichem blühendem Oleander aus Plastik, aber das ließ ihren Garten noch trauriger erscheinen.
Dass wir irgendwann umziehen müssten, war mir klar. Dennoch konnte ich es nicht fassen. Seit 2018 waren unsere Sommer hier heiß und trocken. Die Bauern pumpten Wasser aus dem Boden und sprühten es auf die Felder. Als es 2031 den ersten Winter nicht mehr regnete, waren die Grundwasserreserven schon langen aufgebraucht. Es gab einfach kein Wasser mehr, um den sandigen Boden in Felder zu verwandelt. In der Schule lernten wir, dass hier einmal Sümpfe gewesen waren, die im 19. Jahrhundert trockengelegt wurden. Jetzt wurde die Region „Mitteldeutsche Savanne“ genannt. Die Kanäle, die die Sümpfe entwässert hatten und in denen meine Mutter als junges Mädchen in den Sommermonaten gebadet hatte, waren lange ausgetrocknet.
Mein Vater trat zu mir vor die Tür und setzte sich neben mich auf die Türschwellen. „Es tut mir so leid, Johanna“, sagte er nach einer Weile, „wir haben uns mit der Entscheidung sehr schwergetan.“
„Habt ihr schon eine Wohnung gemietet?“, fragte ich ihn stockend.
„Johanna“, mein Vater griff nach meiner Hand und ließ sie gleich wieder nervös fallen, „wir ziehen zu Onkel Hendrik ins Münsterland, sie rücken zusammen, machen Platz für uns.“
Da sprang ich auf und lief ein Stück den Gartenweg entlang. Die Abendwolken zogen sich über der untergehenden Sonne zusammen.
Mein Vater und sein Bruder Hendrik mochten sich nicht. Hendrik war aufbrausend und bestimmend, er kommandierte andere herum und war launisch. Mein Vater war still und sensibel, Entscheidungen zu treffen kostete ihn Überwindung, sie anderen mitzuteilen noch mehr.
Ich setzte mich wieder neben Vater und sah ihn an.
„Onkel Hendrik?“, fragte ich nur.
„Sie rücken zusammen“, wiederholte er. Und dann fügte er leise hinzu: „Wir haben kein Geld mehr, Johanna, die Kosten für Wasser und Strom sind so hochgegangen. Seit Mutter ihren Job in der Landwirtschaft verloren hat, kommen wir kaum über die Runden.“
Er stockte. Griff nach einem Stock und zeichnete Linien in den Sand. Dann ließ er den Stock fallen.
„Johanna, sie haben entschieden, dass es in unserem Landkreis nur noch zwei Stunden Wasser am Tag geben wird. Anders sei die Versorgung langfristig nicht mehr aufrecht zu erhalten. Und...“, er zögerte kurz bevor er mit lauter, zitternder Stimme weitersprach, „meine Firma wird schließen. Der Chef hat es letzten Freitag gesagt. Zu wenig Menschen, die noch hier sind, zu wenig Aufträge.“
Ich sehe ihn an. Er weint.
Ich muss los, eine Runde durch unser kleines Dorf Kremkau, ich muss laufen, ich weine auch.
Ich stolperte durch die Gartenpforte und drehte mich zu unserem Haus um. Meine Urgroßeltern hatten es gebaut. Es ist stattlich, es ist wunderschön. Wir werden es wohl nie verkaufen können, Häuser in unserem Landkreis sind schon lange unverkäuflich. Es wird einfach hier stehenbleiben. Niemand wird sich darum kümmern. Niemand wird herabgefallene Dachziegel ersetzten oder kaputte Wasserrohre reparieren.
Vielleicht können wir einmal zurückkommen, das klagende zerfallende Haus streicheln und uns an unser Leben und das unserer Vorfahren erinnern.
Illustration von Piyapong Saydaung
Unterrichtsmaterial zum Text findet sich auf https://eduki.com/de/592915
Bloßgestellt
(Franziska Dittert, 2022)
Diese Party werde ich nie vergessen, obwohl ich mich nicht mehr daran erinnern kann.
Die Party war an einem Samstag bei Paul. Am Sonntagmittag wachte ich auf Pauls Sofa auf. Alles tat mir weh, mir war übel und ich entschied sofort, direkt weiterzuschlafen, bis es mir besser ging. Gegen Abend warf Paul mich mit einem „Du musst jetzt echt mal gehen!“ raus. Vor dem Haus stand mein Fahrrad, das ich schob und so langsam und wacklig nach Hause ging.
Ich räumte meinen Kopf auf: Pauls Geburtstag; Jonna war da; wir haben geredet; dann diese Spiele; die Verlierer haben Kurze getrunken; Jonna hat mich angefeuert. Und dann? Wann ist sie gegangen? Wann sind die anderen gegangen? Filmriss, dachte ich, schöner Mist.
Das Gespräch mit meiner Mutter brachte ich hinter mich. Ich brauchte nur Ruhe. Dunkelheit. Und ich musste liegen. Weiterschlafen.
Ein sanftes Ruckeln weckte mich. „Mark“, die Stimme meiner Mutter klang leise, weit weg, besorgt, „Jonna hat angerufen. Sie geht doch in deine Stufe, oder? Du sollst sie schnell zurückrufen.“
Meine Augen so schwer, wie aus Stein. In meinem Magen immer noch ein Wespenschwarm unterwegs. Im Kopf ein piependes Pochen. Reflexartig griff ich in die Tasche nach meinem Handy. 63 neue Nachrichten. Ziellos scrollte ich im Klassenchat herum und erstarrte: Ein Foto von mir, lachend, auf dem Klavier von Paul stehend, mit runtergezogener Hose. Bis zu den Knien hing die Hose. Bis zu den Knien hing die Unterhose. Meine Hose. Meine Unterhose.
Panisch checkte ich die anderen Chats: Überall dasselbe Bild!
Da spielten die Wespen in meinem Magen verrückt. Ich stürzte ins Bad und übergab mich.
Noch neun Stunden bis Montagmorgen, erste Unterrichtsstunde.
Jonna rief ich nicht an. Ich nahm eine Kopfschmerztablette, schaltete das Handy aus und zog die Decke über den Kopf. Nur schlafen, nur ein paar Stunden noch Ruhe.
Illustration von Piyapong Saydaung
Unterrichtsmaterial zum Text findet sich auf https://eduki.com/de/571504
Wieder laufen lernen
(Franziska Dittert, 2019)
Jasmin ist grau und wie Staub. Der Tag war ein Tornado. Seit dem frühen Tod ihrer Freundin ist sie auf Treibsand unterwegs. Keine einzige Wurzel mehr, die sich um die Steine des Lebens klammern könnten. Wie ein alter Kassenbon auf dem Supermarktparkplatz wird sie durch das Leben getrieben.
Jason ist unsicher und genervt. Jasmin war wie das Fundament eines Wolkenkratzers, als er sie kennenlernte. Er war der Träumer, der Zögernde, der Stolpernde. Er konnte ihr jetzt wirklich nicht helfen, er war nicht stark genug. Es war nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe war es, langsam und vorsichtig zu gehen, ohne zu fallen. Wie konnte er sie da halten? Im Tornado? Auf Treibsand? Immer häufiger sagte er ihr ab. Immer häufiger kam er einfach nicht. Immer häufiger stellte er sein Handy aus. Immer häufiger arbeitete er viel zu lange. Immer häufiger spielte er dieses sinnlose Computerspiel.
Rose ist besorgt. So hat sie ihre Schwester Jasmin noch nie erlebt. Fast kann Rose durch sie hindurchsehen, wie sie ihr gegenübersitzt und in ihrem Kaffee rührt. Und Jasmins Stimme kommt aus einer verlorenen Welt.
Rose nimmt sich Urlaub. Zehn Tage. Und da hat sie auch noch Ersparnisse. Es wird schon reichen. Die Tasche ist hastig gepackt und glücklich. Lange klingelt sie, bevor Jasmin aufmacht. Sie ist fast nicht mehr zu fassen. Rose denkt: Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, aber ich gewinne ihn. Sie wirft Sachen in einen großen Einkaufsbeutel. Irgendetwas, das noch sauber ist. „Komm“, sagt sie zärtlich zu Jasmin.
Der Zug gibt endlich einen Takt. Ein Ziel zu haben gibt endlich ein Ziel. Rose ist sehr zufrieden mit sich. Einen Plan zu haben. Einen Plan zu verfolgen. Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt, ein Weg.
Jasmin ist unverändert durchsichtig und taub. Sie hat keinen Willen, darum hat sie auch keine Fragen. Doch dass der Zug einen Takt hat, das spürt auch sie.
Als sie die Grenze nach Frankreich überqueren, greift Jasmin die Hand von Rose. Sie lebt, denkt Rose, Gott sein Dank, sie lebt.
Als sie am späten Nachmittag an der Ottilienquelle unterhalb des Klosters Hohenburg stehen, lässt sich Rose erschöpft ins Gras fallen.
„Jetzt,“ sagt sie verschmitzt, ja ganz und gar verschmitzt, „Jetzt werden wir uns waschen. Dann werden wir den Berg hinaufsteigen. Dann werden wir am Kloster anklopfen. Dann werden wir dort schlafen. Ein Schritt, ein Schritt, ein Schritt, ein Weg.“
Illustration von Piyapong Saydaung
Dieser Text ist ein Auszug aus der biografischen Erzählung "Mutig in Gott" (Block-Verlag).
Zurück
(Franziska Dittert, 2025)
Die Hügel wellen sich sanft vor ihm, Kissenlandschaften in zartem weichem Grün. Er lässt seinen Blick über die Weite streifen und atmet innerlich auf. Am Fluss liegt schlafend sein Dorf. In der Ferne schweigt erhaben der Wald, Deckengewölbe in sattem dunklem Grün.
Von Glück überrollt, bückt er sich, streichelt das Gras zu seinen Füßen und lacht beim Weinen. Verstohlen wischt er die Tränen mit dem Ärmel ab, obwohl er allein hier steht. Er war so stark in den letzten Monaten und merkt erst jetzt, wie schwach er war.
Wie eine zähe Ewigkeit im dunklen Schmerz hat sich diese Zeit in ihm festgesaugt. Eintönig grau das Zimmer, das Bett, der Schmerz, die Zugänge, die OPs, das von Medikamenten verstopfte Gehirn.
Vorsichtig setzt er sich ins Gras. Er drückt zart sein Gesicht ins Grün. Der Geruch von Sommer und Sorglosigkeit, der Atem des Lebens.
Illustration von Jordon Johnson
Versteckspiel
(Franziska Dittert, 2025)
„Eins, zwei, drei
Wer ist dabei?
Willst du nicht verzwergen,
musst du dich verbergen!“
Laut rief Mara den Reim und ich versteckte mich schnell. Dieses Versteckspiel machten wir jede Pause und ich war gut darin. Doch heute war es grau und zäh in mir, denn ich hatte mich mit Mara gestritten. Im Bus hatte sie mich fertig gemacht, jetzt schwieg sie mich den ganzen Tag an und taxierten mich mit dem Bitch-Blick. Ich saß im Versteck. Ich sah sie an mir vorbeigehen. Ich sah, wie sie mich sah. Ich bin mir sicher. Leo war der letzte vor mir, der gefunden wurde und dann liefen alle davon. Ich saß im Versteck. Allein. Das Spiel war zu Ende. Und ich saß immer noch im Versteck. Von weitem konnte ich sie auf dem Fußballplatz spielen sehen. Ich blieb sitzen. Nie wieder würde ich dieses Versteck verlassen.
Illustration von Davie Bicker
Im Bus nach Auschwitz
Franziska Dittert (2025)
Der Bus ist eng, die Sitze nahe bei einander. Jeder hat nur einen Sitz. Niemand weiß, wohin mit seinen Beinen. Irgendjemanden ist es immer viel zu warm oder viel zu kalt. Wir sind um 22.00 Uhr losgefahren und werden erst am Mittag in Krakau ankommen. Eine Nacht im Bus. Ich lege mein Kopf an das Fenster und schließe die Augen.
Die Menschen vor 80 Jahren fuhren auch von hier nach Auschwitz. Sie standen im Eisenbahnwaggons. Dicht an dicht. Körper an Körper. Arm an Arm. Bauch an Rücken. Sie standen eine ganze Nacht. Eine ganze Nacht und ein Tag. Einen Tag und eine Nacht und einen Tag. Oder länger als zwei Tage und Nächte. Welche Schmerzen müssen sie in den Beinen gehabt haben. Was haben sie gefühlt, wenn neben ihnen jemand starb? Die Luft war dünn. Sie konnten kaum atmen. Manche erstickten. Jemand starb neben ihnen. Körper an Körper. Die Menschen konnten nichts essen und vor allem nichts trinken. Im Sommer war die Hitze unerträglich. Manche verdursteten. Die anderen standen. Körper an Körper. Mit Schmerzen, mit Atemnot, mit Durst. Machen Züge standen nach Ankunft noch lange ungeöffnet.
Foto: Ron Porter
Drehmoment
Franziska Dittert (2025)
Sie ist einfach gegangen. Hat mir vorgeworfen, es nur falsch zu machen. In ihrer Kindheit und jetzt. Hat sich umgedreht und ist gegangen. Das ist drei Jahre her. Drei Jahre Stille. Ich sehe ihn immer wieder vor mir, den Moment, in dem sie sich umdreht. Den Drehmoment meines Lebens. Den Moment, seitdem ich keine Mutter mehr bin, sondern nur noch war.
Dieser Drehmoment ist auch ein Vakuummoment. Er hat ein Vakuum in meinem Leben geschaffen, eine Leerstelle, die alles andere überdeckt. War ich vorher Mutter, Architektin, Ehefrau, Freundin. Bin ich jetzt Architektin, die von ihrer Tochter verstoßen wurde, Ehefrau, die vom ihrer Tochter verstoßen wurde, Freundin, die von ihrer Tochter verstoßen wurde. Alles wird in dieses Vakuum hineingezogen. In einem Vakuum stirbt jedes Leben.
Foto: Pexels